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Bereits das ganze letzte Jahr über ließ das Engagement der heidexe-Redakteure spürbar nach. Dies schlug sich nicht nur auf unsere inhaltliche Aktualität und unseren Service nieder, sondern auch auf die Motivation von uns, die wir heidexe.de vor drei Jahren ins Leben riefen. Deshalb haben wir uns entschlossen, das Projekt vorerst „auf Eis zu legen“. heidexe.de verstand sich von Beginn an als ein Internet-Projekt, das nur von der Beteiligung seitens der Leser und dem Engagement der Redakteure (die in den meisten Fällen Studenten waren) leben konnte. Da beides in den letzten Monaten nur noch in sehr begrenztem Rahmen vorhanden war, halten wir eine Auszeit momentan für die beste Lösung.
Wir überlegen uns derzeit allerdings ein neues Konzept, da wir heidexe.de keinesfalls vollständig sterben lassen wollen – also habt ein wenig Geduld! |
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| „Wir waren damals wie Außerirdische“ | Deutscher Hip Hop ist jedem ein Begriff. Doch nur die wenigsten wissen, wie die Kultur aus dem Amerikanischen Vorbild entsprungen ist. Der Heidelberger Toni L. ist seit den frühen 80ern in der Hip-Hop-Szene aktiv und erzählt heidexe.de wie alles begann. Vor allem seine politischen Aktivitäten werfen Fragen auf. Mit seinem jüngsten Projekt hilft er französischen Schülern beim Deutschlernen. Philipp hat Toni L. getroffen.
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 | | Mein Handy klingelt. „Hi Philipp, hier ist Toni L., wann treffen wir uns wegen dem Interview?“ Stunden zuvor hatte ich bei 360° Records nach einer Interviewmöglichkeit angefragt. Mir wurde ein Rückruf versichert. Aber als der Hip-Hop-Oldie mit munterer Stimme ganz unverfänglich mit mir spricht, war ich überrascht. Aber was hatte ich auch anderes erwartet?
Toni L.. Das L. steht für Legende. In seinem Fall definitiv ein berechtigter Titel, und nicht die in Hip-Hop-Kreisen obligatorische Selbstüberschätzung. Er hat den deutschen Hip Hop in den späten 80ern nicht nur geprägt, sondern ihm zum Durchbruch verholfen. Lange bevor sich die Fantastischen Vier „Die da“? fragten oder die Beginner „am Start waren“, gab es einen kleinen Kreis von Heidelbergern, die fasziniert waren von der neuen amerikanischen Jugendbewegung namens „Hip Hop“. Bis heute ist der gelernte Koch Toni L. bei seiner Sache geblieben und hat alle Höhen und Tiefen des Business hinter sich.
Wenig später treffe ich ihn vor den Toren des Schwimmbad-Clubs. Schon von weitem erkenne ich den großgewachsenen Mützenträger. Nach kurzem Small-Talk setzen wir uns auf einen der kühlen Steine des Parkplatzes, und ich frage ihn, wie alles begann. Inspiriert von Graffiti- und Breakdance-Filmen wie „Wildstyle“ und „Stylewars“ hat er in seiner Jugend angefangen zu tanzen, und ist mit dem heute nicht weniger bekannten Torch durch die Hauptstraße in Heidelberg gezogen. Schon damals waren sie „Hip-Hop-Style-mäßig gekleidet“ und ließen sich mit lauten Klängen von Old-School-Größen wie Big Daddy Kane, Run DMC, Cold Crush Brothers per Ghettoblaster begleiten. „Die Leute haben uns damals angeguckt wie Außerirdische“ sagt Toni L. und grinst spitzbübisch. „Sie konnten weder mit der Musik etwas anfangen, noch mit unseren Klamotten“. Hip Hop war in den frühen 80ern deutschlandweit noch völlig unbekannt und wenig verbreitet. Für die repräsentative Kleidung musste man extra nach London reisen.
1987 gründete Toni L. zusammen mit Torch, Linguist, Dj Mike MD und G One „Advanced Chemestry“. Ohne einen Tonträger tourten sie 5 Jahre durch Deutschland und Europa. Sie verkauften aus dem Auto ihre selbst aufgenommenen Kassetten und hatten vereinzelte Auftritte auf kleinen Jams. Hip Hop war noch nicht etabliert; es gab keinen entsprechenden Markt. „Es war einfach eine andere Zeit damals. In ganz Deutschland gab es vielleicht so viele Rapgruppen wie heute in einer ganzen Stadt,“ erinnert sich Toni L. nicht ohne nostalgischen Unterton. „Es war selbstverständlich, dass jede Gruppe auf Englisch gerappt hat, und selbst auf den Konzerten war es uncool, zwischen den Liedern mit dem Publikum deutsch zu reden.“
Advanced Chemestry wehrten sich gegen diese Nachmache des amerikanischen Vorbilds. „Wir haben gefühlt, dass das alles totaler Quatsch ist. Hinter der Bühne reden sie deutsch und mit dem Publikum reden sie englisch. Und das noch nicht mal gut. Deswegen haben wir angefangen auf deutsch zu freestylen, und später haben wir auch deutsche Texte geschrieben“, berichtet Toni L. stolz.
Anfang der neunziger wurde der Hip Hop allmählich salonfähig. Advanced Chemestry wollten sich nicht mehr mit dem „Kassetten-Business“ zufrieden geben. „Fremd im eigenen Land“ sollte sowohl in deutscher als auch in englischer Version auf Vinyl erscheinen. Sie gründeten das Label „Mzee“ um die Platte zu vertreiben, doch es fehlte schlichtweg an Geld. Mit Hilfe von Freunden und der lokalen Fangemeinde konnte die Platte schließlich doch gepresst werden. | |  | | „Die ganzen Leute da draußen in der Szene und unsere Fans haben uns das Geld gegeben, damit wir die Platte pressen können. Wir haben dann alles aufgeschrieben, sind ins Presswerk gefahren und haben die Dinger geholt. Danach sind wir zurück zum Bismarckplatz, Kofferraum auf, und schon konnten die Leute ihre bezahlten Platten abholen.“ Ein kleiner Traum ging in Erfüllung. Toni L. bringt es auf den Punkt: „Es war einfach ein geiler Style und ein geiler Flavour. Die Vibes haben einfach gepasst!“
Jahre später, 1999, startete Toni L. das Projekt „Banlieues d'Europe“. Mit Kids aus den rauen Vororten Straßburgs produzierte er eine Hip-Hop-CD und leitete diverse Workshops, unterstützt von einem Breaker aus England, einem DJ aus Italien und einem Graffiti-Sprüher aus Spanien. Das 3-monatige Pilotprojekt begann in Straßburg mit dem Hintergedanken, den Kids etwas besonderes zu bieten. Fernab von Kriminalität und Gewalttätigkeit, die sonst an der Tagesordnung solcher Konfliktzonen steht. Die ersten Reaktionen der Jugendlichen waren anfangs noch verhalten: „Die Kids waren am Anfang sehr introvertiert, doch nach ein paar Tagen sind sie durch Hip-Hop aus sich rausgegangen“, erinnert sich Toni L..
„Das ist das, was Hip-Hop meiner Meinung nach auch bewirkt. Du siehst diese Kunstform, entdeckst die verschiedenen Elemente, und merkst, dass du selber aktiv werden kannst. Du findest deinen Bereich, in dem du aktiv werden kannst, um der Gesellschaft zu zeigen, dass du existierst.“ Ohne Frage, Toni L. ist ein Mann der Gefühle. Pure Faszination äußert sich in seiner ausdrucksstarken Gestik, und leuchtende Augen beweisen: Er steht absolut hinter der Sache.
Davon konnte er auch die Politiker im Europäischen Parlament im Zuge der Projektvorstellung überzeugen: „Zuerst sah es gar nicht gut aus. Mein Dolmetscher ist ausgefallen und ich hatte mich kaum vorbereitet. Um so nervöser wurde ich als alle anderen Projektvorstellungen so richtig schön studentenmäßig vorgetragen wurden. Mit Vor- und Nachwort und allem. Als ich an der Reihe war bin ich dann einfach nach vorne und hab auf gebrochenem Französisch einfach aus dem Bauch heraus losgelegt. Freestyle sozusagen. Natürlich habe ich grammatisches Chaos angerichtet, war sehr nervös. Aber die Leute haben gemerkt, dass ich erzähle, und sie waren begeistert von dem Ganzen. Daraufhin ist das Projekt weitergeführt worden...“
Doch damit nicht genug. Tonis neuester Streich ist ein Engagement für das Goethe Institut. Er kooperiert mit Lehrern, die in Frankreich an Schulen und Universitäten Deutsch unterrichten. Dahinter steckt die Idee, seine Rap-Texte in den Unterricht einzubinden, um die Lust am Deutschlernen anhand von „jugendlichen Texten“ zu fördern. „In Frankreich assoziieren die Franzosen Deutschland nicht mit Hip Hop und waren sehr überrascht, als ich in den Klassen gefreestyled hab. Die sind auf die Bänke gesprungen und waren begeistert.“ Die Resonanz war von beiden Seiten sehr positiv und wird jetzt fortgeführt. Das Goethe Institut hat im Zuge dieses Projektes extra eine Homepage eingerichtet, mit Texten und Aufgabenstellungen. Toni L.: „Die Leute können dann richtige Arbeiten über meine Texte schreiben. Als Highlight gab es für die französischen Schüler Karten für mein Konzert.“
Hip Hopper gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Doch ein solch großes politisches Engagement von Seiten eines Rappers ist derzeit eher selten. Toni L. ist sehr begeistert von der Transparenzfähigkeit seiner Musik. Auch der sogenannte Mainstream oder der von Untergrund-Hiphoppern verschrieene Kommerz bereitet ihm keine allzu großen Sorgen: „Die Bandbreite von Hip Hop ist durch die Medien so groß geworden, dass es eigentlich keinen Grund mehr gibt sich aufzuregen. Wenn du anfangen würdest, dich an irgendeinem Punkt aufzuregen, kannst du gleich von einer Brücke springen. Mittlerweile gibt es für jeden Geschmack etwas, und das ist auch schon wieder cool. Wenn man aber in der Werbung sieht, dass es jetzt bei Mc Donalds zwei Stofftiere zu kaufen gibt, und das eine heißt „Hip“ und das andere „Hop“, dann hört es für mich auf. Früher war es schon ein wenig anders. Damals waren es 90 Prozent Hip Hop und 10 Prozent Business. Heute ist es meist genau umgekehrt. Das finde ich sehr schade.“
Fotos: toni-l.com
Toni L. im Netz: http://www.toni-l.com
Goethe-Institut: http://www.goethe.de/fr/ |
| Autor: Philipp Ruhmhardt
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