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| Blumfeld: „Verbotene Früchte“ | Nach drei Jahren melden sich die Hamburger „Diskursrocker“ von Blumfeld mit einer neuen CD zurück. „Verbotene Früchte“ ist ein erwachsenes und herrlich unspektakuläres Album, dessen verträumte Naturtexte besser zum Blumfeld-Sound passen als alles andere vorher – und welches uns daran erinnert, dass es eine Zeit gab vor dem großen Deutschrock-Hype.
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 | | Was ihn immer davon abgehalten habe, eine Platte von Blumfeld intensiver anzuhören, so der Journalist Stephan Wackwitz vor drei Jahren in der ZEIT, sei deren Image als Popband für den denkenden Menschen mit Abitur, Anspruch und Diskurshoheit. So ähnlich ging es mir auch lange Zeit, obgleich ich die Entwicklung der Hamburger stets am Rande verfolgt habe, ohne jedoch zu irgendeinem Zeitpunkt ein größeres Interesse aufzubauen. Insofern schreibe ich diese Zeilen völlig unbefangen: Ich bin kein sonderlich großer Blumfeld-Fan, genauso wie ich nicht glühender Anhänger irgendeiner anderen deutschsprachigen Pop-/Rock-Band bin. Die Jungs waren mir in Interviews immer sehr sympathisch, das gebe ich zu, und die Musik finde ich auch „ganz nett“.
Auf „Verbotene Früchte“ fällt zu aller erst auf, dass die Natur – wie schon auf dem Cover zu erkennen – in nahezu allen Stücken den Ton angibt. Die Politik als bewegendes Motiv wurde abgelöst – diese spezifisch deutschrockige Entwicklung der letzten Jahre schwingt also auch bei Blumfeld mit, auch wenn man bei der Band um Sänger Jochen Distelmeyer immer gern was politisches auch ins Nicht-Politische dichtet. Wer Spaß daran hat, bitte.
Die Presse dieser Tage jedenfalls findet die anti-gesellschaftskritische Haltung ganz furchtbar, und das wiederum findet Klaus Walter (einmal mehr in der ZEIT, die ja übrigens auch aus Hamburg kommt) ganz furchtbar. Natur und Politik koexistieren schon länger in Blumfelds Lyrik, meint der, aber das sei ja zu hoch für die schlichten Antagonismen ihrer Kritiker, denen zu Natur nur Rückzug ins Private einfalle. Nun, mir persönlich fällt dazu ein, dass mir das ziemlich egal ist. Ich halte von Politik in Texten ohnehin nicht mehr so viel; außer in Punkrock, aber davon ist Blumfeld – zumal mit „Verbotene Früchte“ – sehr weit entfernt.
Stattdessen passen die verträumten Naturtexte besser zur Blumfeld-Musik als alles andere vorher. Blumfeld haben ja in ihrer mittlerweile 15-jährigen Bandgeschichte nie sonderlich auf die Kacke gehauen, den Kuschelsound kurioserweise aber oft mit eindeutig linksintellektuellen Bekenntnissen verwoben. Eigentlich zeigen sie jetzt nur eine Entwicklung, welche die neueren deutschen Rockbands, beispielsweise Kettcar, in ihrer sehr viel kürzeren Existenz sehr viel schneller durchgemacht haben. Bei Blumfeld dauerte das ein bisschen länger, gerade weil sie so lange im Geschäft sind – und man es sich irgendwann so schön in seinen Vorstellungen eingerichtet hat. | |  | | Die Entwicklung lautet: Genauso wie man vor ein paar Jahren den neuen Geist des Kapitalismus zu entdecken geglaubt hat, scheint sich uns ein neuer Geist der deutschen Rockmusik aufzudrängen. Es geht nicht mehr darum, das System aus den Angeln zu heben, sondern die Alltäglichkeiten zu beschreiben, das große Kleine, die „Politik der kleinen Schritte“. Meinetwegen kann man das „Rückzug ins Private“ nennen, wie es manche Kritiker tun. Ich sehe das ganz und gar nicht kritisch. Hat schließlich Blumfelds einstige Anklage der „Diktatur der Angepassten“ irgendwas gebracht? Hat irgendeine Band mit ihren Texten die Große Koalition verhindert? Nein, natürlich nicht. Trotzdem schön, wenn sich Texter Gedanken machen und kritisch sind. Andererseits nicht zwingend notwendig.
Nach dieser scheinbar unerlässlichen Diskussion nun zum eigentlichen Gegenstand meiner CD-Rezension – dem Album an sich: „Verbotene Früchte“ ist ziemlich genau das, was ich von einem neuen Blumfeld-Langspieler erwartet habe. Der Opener „Schnee“ führt angenehm ein in das, was den Hörer auf knapp über 60 Minuten, eingeteilt in 13 Stücke, erwartet: Aufmerksame, friedliche Beobachtungen unserer Welt (tatsächlich, ja, nicht mehr und nicht weniger), herrlich unspektakuläre Rockmusik für Leute, die sich mit der nötigen Ruhe und ein wenig Melancholie auf die schönen Dinge draußen in der Natur einlassen können. Da geht es um Möwen, Schmetterlinge, Orchideen, Igel, Füchse und die vielen kleinen anderen Wunder der Natur. Mir gefällt das.
Der eingängigste Track ist mit Sicherheit die aktuelle Single „Tics“, wo die vernachlässigten Fans der kritischen Töne wenigstens noch kurz auf ihre Kosten kommen („Ich seh den Reichtum, seh die Reste, wenn ich auf meinem Hügel steh, ich seh die Hütten und Paläste, zwischen Crack und Milchkaffee“). Nett ist aber auch „April“, wo es heißt: „Gestern heute morgen, Hoffnungen und Sorgen, Wechselspiel der Formen im April“. Das ist Blumfeld-typisch für mich: Keine hochtrabenden Wortspiele, sondern einfache Betrachtungen, eingehüllt in schöne Worte. „Verbotene Früchte“ ist gerade deshalb ein Album, das uns daran erinnert, dass es sehr wohl eine Zeit gab vor dem großen Deutschrock-Hype.
Alles in allem möchte ich nicht viel mehr sagen, als dass ich „Verbotene Früchte“ empfehlen kann, zum Seelebaumelnlassen für sonnige Tage auf dem Balkon zum Beispiel. Blumfeld-Anhänger werden auch diese Scheibe mögen, und alle anderen werden auch hier wieder nichts dran finden können. Außerdem ist das Cover wirklich gelungen, wie ich meine, und passt exzellent zum Inhalt der CD. Das Booklet kann man darüber hinaus ausfalten und übers Bett hängen. Nette Idee.
Erscheinungsdatum: 28. April 2006
Label: Smi Col (Sony BMG)
11 von 15 Punkten
             
Im Netz: http://www.blumfeld.de
Fotos: blumfeld.de/ Sony |
| Autor: Konstantin Kehl
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Von schwabe am 02.05.06, 15:10
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Sehr schön,
ich bin von dieser Band und den Songs sehr sehr getragen gewesen zu Beginn meiner Studienzeit der Politikwissenschaft und der Soziologie, ich fand in der Musik von Blumfeld immer diese oft zitierte Seelenverwandtschaft und wenn ich auf meine letzten Tage und Wochen schaue, dann fühle ich wieder eine Paralle.
Obwohl ich das Album noch nicht gehört habe, werde ich es mir wahrscheinlich sogar kaufen, denn Blumfeld ist für mich mit Geld nicht zu bezahlen, genauso wie es der Frühling ist. Und die Hoffnung das so viele Jahre mit Schmerzen und Leid sich in vielen Momenten wechseln- wie ihr Kleid.
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